Positionspapier

Strukturen stärken. 

Chirurgie sichern. 

Zukunft gestalten. 

Chirurgie vor Ort erhalten – Qualität braucht Nähe 

Die Allgemein- und Viszeralchirurgie steht in Deutschland an einem Scheideweg. Kliniken der Grund- und Regelversorgung, die traditionell das Rückgrat der chirurgischen Patientenversorgung bilden, geraten zunehmend unter Druck. Politische Entscheidungen, neue gesetzliche Rahmenbedingungen und strukturelle Reformen stellen nicht nur die wirtschaftliche Tragfähigkeit dieser Kliniken infrage, sondern auch die Sicherstellung einer wohnortnahen chirurgischen Versorgung. 

Ein zentraler Treiber dieser Entwicklung sind die zunehmenden wirtschaftlichen Zwänge. Die Einführung von Hybrid-DRGs und die damit einhergehende Ambulantisierung stationärer Leistungen führen zu einer wachsenden Diskrepanz zwischen notwendiger Infrastruktur und sinkender Vergütung. Viele klassische viszeralchirurgische Eingriffe – wie Leistenhernien, Cholezystektomien oder demnächst Bauchwandrekonstruktionen – sollen künftig möglichst ambulant erbracht werden, ohne dass die stationär vorgehaltenen Ressourcen ausreichend refinanziert werden. Für kleine und mittlere Kliniken bedeutet dies steigende Defizite und eine reale Gefahr der Leistungseinschränkung bis hin zur Schließung ganzer Abteilungen. 

Hinzu kommt die Weiterbildungsproblematik. Die aktuellen Weiterbildungsordnungen setzen nach wie vor hohe Fallzahlen und lange Weiterbildungszeiten voraus, die in Häusern der Grund- und Regelversorgung zunehmend nicht mehr darstellbar sind. Junge Ärztinnen und Ärzte sehen sich dadurch in ihrer Karriereplanung benachteiligt und orientieren sich vermehrt an Maximalversorgern oder wechseln ganz in andere Fachbereiche. 


Gleichzeitig steigt der Druck durch Mindestmengenregelungen des Gemeinsamen Bundesausschusses (G‑BA), die komplexen Eingriffe zunehmend in Zentren zu verlagern. Doch die Problematik reicht noch weiter: Neben den Mindestmengen gewinnen auch die Mindestvorhaltezahlen im Rahmen der neuen Leistungsgruppen-Systematik zunehmend an Bedeutung. Diese verpflichten Kliniken, dauerhaft definierte personelle und strukturelle Ressourcen vorzuhalten, um bestimmte Eingriffe überhaupt abrechnen zu dürfen. 

In der Viszeralchirurgie überschneiden sich diese Anforderungen zusätzlich mit den Regelungen zur Leistungserbringung bei onkochirurgischen Maßnahmen. Das bedeutet: Selbst Kliniken, die Mindestmengen und Vorhaltezahlen erfüllen, können künftig dennoch von der Durchführung onkologischer Eingriffe ausgeschlossen sein, wenn ihre Fallzahlen unterhalb definierter Perzentilen liegen oder prozessuale Anforderungen nicht erfüllt werden. Diese konkurrierenden Regelwerke wirken kumulativ und verstärken den Zentralisierungseffekt erheblich. Die Folge: Eine kontinuierliche Verlagerung komplexer Eingriffe an wenige spezialisierte Zentren – während gleichzeitig die chirurgische Kompetenz in der Fläche verloren geht. 


Ein weiterer Aspekt betrifft die strategische Ausrichtung der fachlichen Interessenvertretung. Der Eindruck drängt sich auf, dass der Fokus chirurgischer Fachgesellschaften zunehmend darauf gerichtet ist, die Viszeralchirurgie als „Königsdisziplin“ der operativen Medizin zu positionieren, teilweise sogar als interdisziplinär führendes Fachgebiet. Die Schwerpunkte liegen auf multiviszeralen Resektionen, robotischen Techniken und der Durchführung der komplexesten Prozeduren.
 Während diese Entwicklungen in der Hochleistungsmedizin zweifellos wichtig sind, geraten dadurch die Versorgungsrealitäten der Grund- und Regelversorgung immer stärker aus dem Blick. Das Risiko ist, dass Strukturen und politische Entscheidungen zunehmend die Perspektive der Universitätskliniken und Maximalversorger widerspiegeln, während die wohnortnahe chirurgische Versorgung faktisch abgehängt wird. 


Dabei ist die Allgemein- und Viszeralchirurgie weit mehr als Hochleistungsmedizin. Sie ist ein zentrales Element der Daseinsvorsorge: Von der Notfallversorgung bis zur Behandlung häufiger Krankheitsbilder sichern allgemein- und viszeralchirurgische Abteilungen in der Fläche eine wohnortnahe, qualitativ hochwertige Versorgung. Der Rückzug dieser Leistungen in wenige Zentren mag ökonomisch kurzfristig plausibel erscheinen, lässt jedoch langfristig Versorgungslücken entstehen, die insbesondere ländliche Regionen hart treffen werden. 


Wenn wohnortnahe chirurgische Strukturen wegfallen, geraten Patientinnen und Patienten, Rettungsdienste und umliegende Krankenhäuser gleichermaßen unter Druck. Eine auf Maximalversorgung ausgerichtete Fach- und Gesundheitspolitik blendet die Realität in der Fläche aus – und gefährdet damit die Versorgungsgerechtigkeit. 


Die Allgemein- und Viszeralchirurgie muss daher neu gedacht und neu positioniert werden. Wir, die Unterzeichnenden, fordern: 

  • Stabile wirtschaftliche Rahmenbedingungen, die notwendige Strukturen finanzieren und planbare Perspektiven schaffen.
  • Angepasste Weiterbildungsmodelle mit realistischen Fallzahlen, um die Attraktivität des Faches zu sichern.
  • Stärkere Interessenvertretung der Kliniken der Grund- und Regelversorgung in chirurgischen Fachgesellschaften und politischen Entscheidungsprozessen.

 

Zukunftsstrategien der chirurgischen Versorgung müssen die Behandlung häufig auftretender chirurgischer Krankheitsbilder, die überwiegend in den Häusern der Grundversorgung vor Ort stattfinden, adäquat berücksichtigen. Die Allgemein- und Viszeralchirurgie ist kein Luxus, sondern Teil der medizinischen Basisversorgung – und damit unverzichtbarer Bestandteil der Daseinsvorsorge. 

Die Unterzeichner


CA Dr. med. G. Bauer, Straussberg
CA Dr. med. M. Bereuter, Forst (Lausitz)
CA Dr. med.  L. Biermann, Warendorf
CA Dr. med. J. Böttger, Bad Saarow
CA Dr. med. J. Dobroschke, Pirna
CA  C. Eisold, Schwedt
CA Dr. med. M. Elshafei, Frankfurt am Main
CA Dr. med. M. Frackowiak, Spremberg
CA Dr. med. K. Frommhold, Bad Oeynhausen
FOÄ Dr. Dr. R. Ganescu, Perleberg
CA PD Dr. med. M. Ghadimi, Soest
CA Dr. med. R. Hendrischke, Lübben
CÄ Dipl. med. B. Hinneburg, Rathenow
CA Dr. med. B. Hoz, Ludwigsfelde
CA Dr. med. A. Janzen, Unna
CA Dr. med. S. Kaaden, Neustadt am Rübenberge u. Gehrden
CA Dr. med. F. Krings, Coesfeld
CA PD Dr. med. C. Krüger, Rüdersdorf
CA Dr. med. M. Krüger, Schönebeck
CA Prof. Dr. med. R. Kube, Cottbus
CA Dr. med. J. Leifeld, Leer
CA Dr. med. S. Lenz, Perleberg
OÄ Dr. med. K. Lenz, Schwerin
CA Dr. med. M. Liese, Beeskow
CA Prof. Dr. med., FACS F. Marusch, Potsdam
CA Dr. med. L. Meyer, Plauen u. Aue
OA Dr. med. U. Müller, Berlin
LA Katja K. Müller, Brandenburg
CA Dr.med.  A. Renter, Moers
OA  S. Schläfke, Perleberg
CA Prof. Dr. M. Stockburger, Nauen
CA Dr. med. Z. Tekin, Luckenwalde
LA Dr. med. J. Telschow, Perleberg
CA Dr. med. R. Uhlig, Potsdam
CA  H. Vetter, Königs Wusterhausen
CA Dr. med.  A. von Kirchbach, Bernau
  
 

Verantwortlich gemäß § 18 MstV:
Dr. S. Lenz